Ein kurzes Essay über die Arbeit des Netzwerk Nachhaltigkeit Regensburg

0 Kurze Einleitung


Klimawandel ist eine ernste, existenzielle Gefahr, die mit jedem Tag näher rückt. Dem Netzwerk Nachhaltigkeit zufolge sind es “noch fünf Jahre für die Weichenstellung, die verbleiben.”(1 Daher wenig verwunderlich (und durchaus lobenswert), dass sich auch Studierende für eine nachhaltige Zukunft einsetzen. Das Netzwerk Nachhaltigkeit versteht sich als “Knotenpunkt für nachhaltige Entwicklung auf dem Campus Regensburg”(2 und beschreibt seine “Vision” so: “Es herrscht eine Diskrepanz zwischen Wissen zum Thema und Handeln! Es muss also neu an das Thema herangegangen werden! Wir wollen die insgesamte Handlungsbereitschaft steigern, indem wir aufzeigen, dass jede und jeder seinen persönlichen ökologischen Fußabdruck senken kann.”(3 Auf Nachfrage (per E-Mail) erläutern sie weiter: “Wir klären auf und sensibilisieren. Dadurch hoffen wir, Menschen zum Umdenken zu motivieren. [...] Wir glauben, dass ein System von innen heraus verändert werden muss und wir dabei unseren Werten treu bleiben: Gemeinschaft, Respekt & Zusammenarbeit vor Hass & aufhaltende ideologischen Streitereien.”(1

Damit sind sie auch recht erfolgreich, immerhin richten sie ab dem 31.05. die stadtweite Regensburger Nachhaltigkeitswoche mit beeindruckend großen Programm und vielen Kooperationen aus.

Dieser Erfolg rechtfertigt eine kritische Auseinandersetzung mit der Arbeit des Netzwerks, welches im weiteren als ‘NN’ abgekürzt wird. Dies wird nur ein kleiner und sehr kurzer Überblick der bisherigen Arbeit durch eine simple, grob postmoderne Linse.


1 Konsum statt Konsum


Es erscheint eine merkwürdige Beziehung zu Konsum: Während das Wort Konsum oft in einen kritischen Kontext gestellt wird, ist der tatsächliche Akt nicht von großer Relevanz. Der “Anti-Konsum Adventskalender”(4 wird aus Tonpappe und Papier hergestellt, deren Konsum nicht weiter wichtig ist. Der DIY Kalender soll für Konsumrebellion stehen, während er selbst auf materiellem Konsum (dem Verbrauch von Tonpappe und Papier) aufgebaut ist. Noch offensichtlicher wird dies beim Blogeintrag zum Weihnachtsmarkt(5, in dem eine Überschrift verkündet: “Tschüss, Konsumterror – hier kommt die grüne Erleuchtung!” diese “grüne Erleuchtung” wird in der Grafik darunter dann als die Nutzung von LED-Lampen beschrieben. Diese als nachhaltig gelabelten Lampen stellen nun anscheinend keinen Konsum mehr dar, obwohl diese natürlich genauso gekauft und verbraucht werden müssen.

Das Wort Konsum ist nicht Signifier für den Akt des Konsumierens, es zeigt nur eine bestimmte Art des Konsums an. Der “Anti-Konsum” hingegen verschleiert den ihm zugrunde liegenden Konsum. Diese Befreiung des Wortes Konsum von seiner materiellen Realität will dann wiederum Konsum an sich beweisen. So wie ein Streik (Anti-Arbeit) Arbeit beweist, beweist “Anti-Konsum” den Konsum.(6 Mit dem Unterschied, dass ein Streik real sein kann.

Die simpelste Stufe potenziell realen Anti-Konsums könnte als Boykott verstanden werden, doch Aufrufe dazu finden sich nicht oft (und nicht streng). Boykott beweist Konsum, so wie Streik Arbeit beweist. Das NN sucht Konsum zu beweisen, doch traut sich nicht Konsum zu negieren. Daher muss die Simulation einer Negation (“Anti-Konsum”, der selbst nur Konsum ist) reichen.

So ist z.B. für viele sozialistische Philosophien der Beweis von Arbeit durch Streik ein wichtiger Bestandteil des Aufbaus der eigenen Bewegung. Und so kann man auch die Arbeit des NN verstehen: Der Beweis des Konsums durch “Anti-Konsum” (so sehr verfälscht und synthetisch dieser “Anti-Konsum” auch ist) ist nötig um die eigene Bewegung, die auf persönlichen Konsumentscheidungen ruht, aufzubauen.



2 Wer ist Nachhaltigkeit?


Konsum ist also ein wichtiger Pfeiler der Arbeit des NN, auch wenn sie es (stellenweise) verschleiern. Kommen wir daher auf die Art des Konsums, den der “Anti-Konsum” verschleiern will, zurück. Es ist ein Konsum der sich dem gewöhnlichen Konsum ihrer Zielgruppe (Studierende) entgegenstellen soll.

Dabei wird uns meist eine bessere Alternative für einen bereits bestehenden Konsum bereitgestellt. Die Spannweite reicht vom Verkochen von Blumenkohlblättern(7 über Slow Fashion(8 bis zur nachhaltigeren Finanzinvestitionen und Renovierungen und Bau(9.

Eine durchaus sinnvoll große Auswahl an Themen, ist doch das jetzige und zukünftige Einkommen ihrer Zielgruppe höchst verschieden. Doch dabei entsteht ein hässliches Problem: denn da das NN denkt “wir befähigen auch Politiker*innen zu deren Maßnahmen, indem wir unseren Alltag, unsere Konsumeinstellung und unser Arbeitsleben mit nachhaltigen Werten gestalten”(3, geben sie Menschen mit größerem Handlungsspielraum ohne große Skrupel einen größeren politischen Hebel an die Hand. Es ist sicher möglich dieses Problem aufzulösen, so könnte man z.B. sagen, dass jeder Mensch in seinem Rahmen nachhaltiger handeln kann worauf ein*e bedachte*r Politiker*in sicher ein Auge hätte. Doch es ist wichtig zu betonen, dass dies in der Arbeit des NN nicht passiert. Selbst dann nicht, wenn exakt dieser Umstand ihnen ins Auge blickt. “Entscheidest du dich heute für die Bio Gurke, oder doch lieber für die günstigere, aber in Plastik eingewickelte Variante?”, ist z.B. ein Hypothetical, das dann mit kompletter Blindheit für die ökonomische Dimension aufgelöst wird: “Der einzelne Mensch entscheidet sich häufig aus Bequemlichkeit gegen die umweltfreundliche Alternative.”(10

Brutaler wird es in einem Beispiel zu bewusstem Leben: “Überlegt doch mal: Hab ich mehr Freude am Essen, wenn ich aktiv daran teilhabe, lange lecker mit Freunden/Familie Pizzateig vorbereite, Zeit & Aufmerksamkeit dem Zubereiten schenke oder wenn ich nebenbei schnell eine Fertigpizza in den Ofen schiebe?”(11, frägt der Text schnippisch, als ob jede*r die Zeit, Geld und Kraft, das Wissen und die Fähigkeit, geschweige denn die Freunde und Familie hätte, dies zu tun. So wird sogar von “freiwilliger Unfreiheit” geschrieben, in die wir uns begeben, “wenn wir gar keinen Teil mehr daran haben, was wir nutzen & konsumieren”. Die Verantwortung für Nachhaltigkeit wird oft dem Individuum zugeschrieben, jedoch ohne Rücksicht auf individuelle Lebensrealitäten. Das ist der hässliche Umkehrschluss einer Philosophie, die davon ausgeht, “dass jede und jeder seinen persönlichen ökologischen Fußabdruck senken kann”(3 und dabei die individuellen Unterschiede vergisst.


3 Capitalist Realism


Diese naive Positivität, die sich so wunderbar in liberales “Empowerment” (immerhin eines der Prinzipien der Kreiskultur des NN(3) einfügt, lässt eben keinen Platz für Machtlosigkeit. Machtlosigkeit ist stets nur eine Illusion. Eine Depression der persönlichen Nachhaltigkeitsfreude. “eine Hingabe zur Irrationalität im großen Stil”(12, vor der das NN in einem anderen Text warnt. Und auch wenn dieser Text zu verstehen scheint, dass die größten Änderungen systematischer wirtschaftlicher Natur sein müssen (“Anders als bei CoVID-19 kennen wir den Impfstoff, der den Klimawandel aufhalten kann. [...] welche Lehren ziehen wir aus der Coronakrise für unsere zukünftigen politischen, wirtschaftlichen oder auch persönlichen Entscheidungen? Der Neuaufbau und die Maßnahmen, die gesamtgesellschaftlich ergriffen werden (v.a. auch unter ökonomischen Gesichtspunkten, da weltweit die Höhe an Hilfspaketen historisch einmalig ist), um die Schäden und Folgen dieser Krise zu bewältigen, müssen unbedingt mit Forderungen zum Klimaschutz verbunden werden, um nicht direkt in die nächste Krise zu steuern.”), so weist er am Ende wieder nur auf persönliche Lebensveränderungen hin.


Und so stellt sich die Frage: ist es irrational im Angesicht der Klimakrise zu resignieren? Im Kontext der Arbeit des Netzwerks ist es keineswegs irrational. Ähnliche Tipps wie vom NN bekommen wir auch von Bundesministerien.(13 Das NN selbst verweist auf die “Große Transformation” und nutzt das Nachhaltigkeitswochenformat der Vereinten Nationen. Zu Denken wir könnten auf der Arbeit der Staaten, die seit Jahrzehnten nur weiter den Klimawandel anschüren, aufbauen, und sie damit zum Handeln ermächtigen ist schlicht absurd. Die ganze Welt protestiert für drastische Aktion gegen den Klimawandel und in der EU gibt es eine eindeutige und überwältige Mehrheit, die diese unterstützt(14. Und doch passiert immer noch nichts. Und ein wenig nachhaltigerer Konsum wird daran nichts ändern. Wie konnten Studierende, denen die Welt augenscheinlich so wichtig ist, sich mit einer so naiven Hoffnung abgeben?


Wir sind eine Generation, deren Handlungs- und Gedankenhorizont, deren politische Imagination, schon lang im voraus abgesteckt ist. “the generation that had come after history, whose every move was anticipated, tracked, bought and sold before it had even happened”, wie es Mark Fisher ausdrückt. Weiter schreibt er über Kurt Cobain:

“Cobain knew that he was just another piece of spectacle, [...] knew that his every move was a cliché scripted in advance, knew that even realizing it is a cliché. The impasse that paralyced Cobain is precisely the one that Jameson described: like postmodern culture in general, Cobain found himself in ‘a world in which stylistic innovation is no longer possible, [where] all that is left is to imitate dead styles, to speak through the maks and with the voices of the styles in the imaginary museum`. Here, even success meant failure, since to succeed would only mean that you were the new meat on which the system could feed. But the high existential angst of Nirvana and Cobain belongs to an older moment; what succeeded them was a pastiche-rock which reproduced the forms of the past without anxiety.“(15

Und genau auf der gleichen Wellenlänge dieses pastiche-Rocks ist auch das NN zu verordnen. Im Angesicht einer “monstrous, infinitely plastic entity, capable of metabolizing and absorbing anything with which it comes into contact”, wird nicht einmal mehr mit “dreadful lassitude and objectless rage” reagiert. Diese werden als Resignation, Irrationalität und Hass abgetan. Es ist eine leere, vage positive Ästhetik, die dem entgegengestellt wird. Selbst eine noch so zahnlose und ziellose Wut ist zu wütend. Es können nur noch auf Signifier einer vergangenen Zeit hingewiesen werden. So redet das NN über Revolution, Anti-Konsum und traut sich sogar Malcolm X zu zitieren(16. Doch all dies ist absolut befreit von irgendeiner materiellen Ebene, stehen nicht für tatsächliche drastische Veränderung, nicht einmal für die wütende, radikale oder gar gewalttätige Ästhetik, die damit einhergehen würde. Der Signifier muss komplett befreit werden, und ist am Ende so viel wichtiger als das Signified, auf das er einmal hingewiesen hat. Es schafft sich eine neue Ästhetik, die alles, was unangenehm anmutet, vergisst. So ist es für das NN möglich vor “Hass & aufhaltenden ideologischen Streitereien”(1 zu warnen, während sie die Signifier eben dieser ideologischen Streitereien nutzen.


“this turn from belief to aesthetics, from engagement to spectatorship, is held to be one of the virtues of capitalist realism. In claiming, as Badiou puts it, to have ‘delivered us from the “fatal abstractions” inspired by the “ideologies of the past”’, capitalist realism presents itself as a shield protecting us from the perils posed by belief itself. The attitude of ironic distance proper to postmodern capitalism is supposed to immunize us against the seductions of fanaticism. Lowering our expectations, we are told, is a small price to pay for being protected from terror and totalitarianism.“(17


Sidenote:

In einem Sinn des Wortes ist das NN sicher engagiert. Jedoch nicht engagiert im Kampf für mehr Nachhaltigkeit oder gegen den Klimawandel, wie es sich vielleicht selbst verstehen würde. Das Engagements des NN bezieht sich nur auf das Ausüben einer Nachhaltigkeits-Ästhetik innerhalb der bestehenden Hegemonie. So trifft der “turn [..] from engagement to spectatorship” in dem von Mark Fisher gemeinten Bezug des Wortes Engagement den Nagel auf den Kopf.


Mark Fisher zitiert weiter Badiou:

“a brutal state of affairs [...] is presented to us as ideal. To justify their conservatism, the partisans of the established order cannot really call it ideal or wonderful. So instead, they have decided to say that all the rest is horrible. Sure, they say, we may not live in a condition of perfect Goodness. But we’re lucky that we don’t live in a condition of Evil. Our democracy is not perfect. But it’s better than the bloody dictatorships. Capitalism is unjust. But it’s not criminal like Stalinism. We let millions of Africans die of AIDS, but we don’t make racist nationalist declarations like Milosevic. We kill Iraqis with our airplanes, but we don’t cut their throats with machetes like they do in Rwanda, etc.”


Das offensichtlichste Beispiel für Badious Ausführungen wäre die Angst vor einer Ökodiktatur einiger Konservativer. Um es in Badious Worten zu sagen: Klimawandel ist eine schlimme Katastrophe, doch wenigstens leben wir frei und nicht unter einer Ökodiktatur! Interessant hierbei ist sicher, dass es keine Ökodiktaturen gibt und sich der status quo insofern gegen pure Fiktion beweist, doch bleiben wir beim Thema.

Während das NN sicher nicht vor einer Ökodiktatur warnt, kann doch beobachtet werden, wie die Idee einer besseren, jedoch nicht guten, Welt seinen Weg in die Arbeit des NNs gefunden hat. Nachhaltigkeit ist für das NN oft keine materielle Kategorie, sondern signalisiert eine (vorgeblich) bessere Alternative. LED-Lampen verbrauchen immer noch Strom, aber immerhin weniger. Veggie Burger beuten immer noch Natur und Proletariat aus, aber wenigstens weniger als Fleisch. Bio-Kaffee kommt immer noch aus brutalen Plantagen, aber wenigstens können die Arbeiter*Innen jetzt von ihrem Lohn essen. Die Stärke konservativen Denkens, nicht an konkrete Ideen und ein stringentes Narrativ gebunden zu sein, mit einer besseren, jedoch nicht guten, Welt zufrieden zu sein, hilft jetzt dem NN eine Fülle an Inhalten bereitzustellen. Denn so wie Konservative auf jeden Missstand eine schnelles ‘aber immerhin besser als’ finden, so hat das NN auf scheinbar jedes Problem eine ‘nachhaltige’ Alternative. Hier sollte noch einmal betont werden, dass das NN sicher nicht konservativ ist. Doch zeigt sich wie die Art konservativen Denkens, unter dem unsere Generation aufgewachsen ist, auch in progressiven Gruppen wiederfindet. Nach dem Ende der Sowjetunion, dem letzten ‘realistischen’ Konter zum liberalen ‘Westen’, nach dem Ende des Streiks, nach dem Ende der Geschichte, bleibt nur Capitalist Realism. Die Idee außerhalb eines neoliberalen Horizonts zu denken oder gar zu agieren sind daher, wie schon vorher zitiert, nur “aufhaltende ideologische Streitereien”.


Nachhaltigkeit verliert also seine Verbindung zur materiellen Realität aus einem Versuch bessere Alternativen zu finden, selbst wenn keine guten bestehen, und aus einer Unfähigkeit und Abneigung nicht bestehende Alternativen zu erforschen. So bekommen wir z.B. Tipps für ‘nachhaltiges’ Investieren(9, doch die Frage, ob Investition in kapitalistische Wirtschaft überhaupt sinnvoll oder nachhaltig ist, wird nie gestellt. Und wäre das nicht ein sehr viel interessanteres und wichtigeres Thema? Wäre es nicht wichtiger den Umstand, dass es für uns als Konsumenten keine wirklich nachhaltige Option gibt, anzuprangern, anstatt auf eine nur weniger schlechte Alternative hinzuweisen? Wieso konfrontiert uns das NN nicht mit diesen Fragen?


Dafür gibt es gleich mehrere Gründe:

  1. Es ist schlicht sehr viel einfacher wenig radikale Arbeit zu leisten. Für gemäßigte Ideen herrscht ein viel größerer Grundstock an Arbeit, der auf wenig Widerwillen stößt. So ist es einfacher auf Ideen und vorgehende Werke zuzugreifen, die man in der Schule und Universität eh lernt. Und da diese Ideen eben schon etabliert sind, stößt man im Schnitt auf weniger Widerstand bei der Interaktion mit anderen, was direkt zum nächsten Punkt führt.

  2. Eine radikalere Gruppe hätte sicher nicht die gleiche Reichweite und so großes Kooperationspotenzial. Durch die Absenz von wirklich aggressiven Ideen werden sie der Stadt Regensburg, der Universität und OTH, oder verschiedenen Unternehmen nicht unbequem. Im Gegenteil: das NN ist für sie sogar nützlich! So kann z.B. BMW die Nachhaltigkeitswoche nutzen, um über ‘nachhaltige’ Wirtschaft zu sprechen. Während sie bei radikaleren Veranstaltungen entweder keine oder eine extrem unangenehme Platform bekommen würden. Die gleiche Veranstaltung nutzen die Kelterei Nagler und die Brauerei Lammsbräu für ein “digitales Saft- und Bier-Tasting”, für welches man Säfte und Bier selbst (und anscheinend auf eigene Kosten?) besorgen muss, und was als nicht mehr als Werbung verstanden werden kann. Es ist insofern eine äußerst symbiotische Beziehung. Die Stadt Regensburg kann Werbung für örtlichen Tourismus und Wirtschaft machen, Unternehmen für sich selbst, und das NN bekommt dafür acht Stunden ‘Content’. So müssen Unternehmen, die es klassisch schwer bei grünen Gruppen haben, nicht einmal mehr dafür zahlen, ihre Werbung vor junge Leute zu bekommen. Stattdessen werden vom NN als die “klassischen Treiber für Innovation” in die “Schlüsselposition in der Transformation hin zu einer nachhaltigeren Welt”(18 gestellt. Und das NN bekommt ohne monetären Einsatz viel Inhalt von recht prestigeträchtigen Akteuren. Und dies ist wegen dem nächsten Punkt wichtig:

  3. Es ging nie Wirklich um Nachhaltigkeit. Die Art des Aktivismus, die das NN liefert, ist ein Werkzeug zur Bewältigung der eigenen Angst. Ein Aufbau eines Konstrukts, dass einem den Horror vor der Welt bewältigen lässt ohne das Problem komplett ignorieren zu müssen. Das Monster unter dem Bett lässt sich nicht ignorieren, doch mit Nachtlicht lässt es sich tolerieren. Und dafür braucht das NN auch die Hilfe von möglichst mächtigen Akteuren.


4 Was ist Nachhaltigkeit?


Das NN hängt sich an die Agenda 2030 der Vereinten Nationen und arbeitet mit so ziemlich jedem zusammen, nicht weil sie die jeweiligen Ideen unbedingt sinnvoll finden, sondern weil es das Gefühl eines echten Einflusses auf die Welt gibt. Es umgeht damit geschickt die Depression, die mit einem verlierenden Kampf oft einhergeht. So ist es nicht selten, und ich kann hier auch aus eigener Erfahrung sprechen, dass mit dem Gefühl von Machtlosigkeit Depression einhergeht. Wir stoßen hier auf ein Dilemma des Kritikers, wie es Rick Roderick nennt:

“The more powerfully the critic paints the ills of the society, [...] the more powerful our account is, the more hopeless the people feel who could actually do something about it. On the other hand if we don’t paint the account in such a powerful way then people tend to underestimate what they’re up against.”(19


Das NN rückt sich die Welt schlicht so hin, dass der Sieg schon halb in der Tasche ist und dass offensichtliche Feinde eigentlich auf der eigenen Seite stehen, um nicht in Hoffnungslosigkeit zu verfallen. Wie sonst könnte man so ruhig bleiben, während man davon ausgeht, dass “nur noch fünf Jahre für die Weichenstellung [...] verbleiben.”(1 Alles was nun noch getan werden muss, ist selbst ‘nachhaltig’ zu leben und vielleicht auf ein paar Demonstrationen zu gehen und dadurch mit dem “Einfluss auf die, die uns beobachten,”(20 die großen Dinge zu ändern. Slavoj Žižek bezeichnet dies als eine Art “Disavowal”, die davor bewahrt die realen Umstände wirklich akzeptieren zu müssen.(21 Wir sehen hier laut Žižek Ideologie in der Postmoderne: Konsumerismus, der den Antikonsumerismus schon im Preis mit beinhaltet. Sich dadurch tarnt. Die Arbeit des NN ist an Stellen schon kaum von Werbung zu unterscheiden. Werden Beide, Aktivismus und Werbung, als ideologische Arbeiten (in diesem Fall Konsumerismus) gesehen, löst sich dieser scheinbare Widerspruch auf. Es darf nicht das eine als Werbung und das andere als Aktivismus verstanden werden, sondern beides als Artikulation einer Ideologie.(22 Auf die Angst vor dem Klimawandel kann so beschwichtigend ausgewichen werden: Man hat verstanden, dass die Klimakrise eine große Gefahr ist, jedoch noch nicht akzeptiert, dass man selbst recht machtlos ist sie aufzuhalten. Und das mag dann auch erklären, wieso Konzepte wie Konsum und Nachhaltigkeit nur implizit definiert werden und es selten um konkrete politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Änderungen geht (genau wie in Werbung mit ‘nachhaltiger’ Ästhetik). Würde man diese zu intensiv diskutieren, wäre die eigene Ohnmacht nur allzu offensichtlich. Und es erklärt auch die teils sehr schlampige Arbeit des NN, die absurde Dinge wie “Bereits jetzt sind 94% der auf der Welt lebenden Tiere aus der Massentierhaltung. Nur 6% leben in freier Wildbahn.”(23 hervorbringt.

Dies tut der Arbeit jedoch nicht viel ab, da es eben nicht um ein sinnvolles Verständnis von Klimakrise, Nachhaltigkeit, usw. geht , sondern um Beschwichtigung der eigenen Hoffnungslosigkeit. Da man eigentlich weiß, dass Konsumismus nicht funktioniert, versteckt man ihn in einem ‘Nachhaltigkeits’-Wirr-Warr, um die eigene Ideologie (und damit auch deren Versagen) nicht mehr sehen zu müssen. Deswegen ist Nachhaltigkeit für das NN, wie vorher schon erwähnt, keine materielle Kategorie. Da ‘Nachhaltigkeit’ aber trotzdem Inhalt benötigt, um sich als sinnhaft verkleiden zu können, füllt es sich (ganz ähnlich wie ‘nachhaltige’ Werbung) mit kulturell nahen, aber willkürlichen Eigenschaften. Dieses Simulacrum ‘Nachhaltigkeit’ konstituiert sich aus diesen Eigenschaften, die selbst nur deswegen ‘nachhaltig’ sind, weil sie wieder auf die ‘Nachhaltigkeit’, die sie konstituieren, verweisen. ‘Nachhaltig’ ist aufmerksam, jung, naiv aber intelligent, stylish und modisch gekleidet, freundlich, technologisch kompetent, autonom, frei, politisch korrekt, gesund, sportlich und schlank (wie die Hinweise auf Gewichtszunahme über Weihnachten wenig subtil wissen lassen). Sämtliche dieser Eigenschaften konstituieren sich ihrerseits aus willkürlichen Signifiern. Diese überschneiden sich, zerfließen ineinander, widersprechen sich. Sie sind unendlich neu konfigurierbar und nie starr definierbar. Genau diese Definierbarkeit galt es abzulegen, um den wahren Horror unserer materiellen Verfassung nicht ertragen zu müssen. Einzelne Signifier können jederzeit umkombiniert oder fallen gelassen werden. Dies ist die Stärke von Simulacra. Und in Verbindung mit dem ideologischen Unterbau können persönliche Dinge, die man eh schon mag (z.B. Sport, Kochen, Mode), plötzlich wichtige Bestandteile im Kampf gegen die Klimakrise werden, auch wenn diese nicht wirklich einen Einfluss haben. So ist die eigene Hoffnungslosigkeit durch Joggen gehen wieder für eine Zeit im Zaum gehalten.(24

Und hier wollen wir unsere kurze Untersuchung auch schon abbrechen...


5 Nachwort


Es gäbe sicher noch viele andere interessante Dinge über die Arbeit des NN zu sagen. Die Herkunft der Ideen zu erforschen oder das Anliegen, selbst Kritiker in die Gruppe zu integrieren, einzuordnen sind z.B. nur zwei naheliegende Themen, die ich nicht mit aufgenommen habe. Desweiteren ist es sicher auch spannend, dass in der Nachhaltigkeitswoche Themen auf den Tisch kommen, die mit der bisherigen Arbeit des NN kollidieren könnten. So liegt z.B. ein Vortrag zum Thema Postwachstums-Ökonomie klar mit der sonstigen Arbeit im Clinch. (zu dem Grat, dass die Veranstaltung absurderweise unter “Ziel 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum” der Agenda 2030 gelistet wird)(25

Daher ist es meiner Meinung nach zu früh die Arbeit des NN gänzlich als kapitalistische Propaganda abzutun. Es besteht für mich noch die Hoffnung, dass sich das NN entwickelt und naive und einfache Gedanken fallen lässt. Meiner Generation scheint es heute oft nicht mehr möglich sich eine gute Welt überhaupt vorzustellen, doch auch darauf muss gehofft werden. Der erste Schritt dahin muss (im speziellen Fokus des NN) jedoch sein die Gefahr des Klimakrise möglichst umfangreich zu verstehen. Auch wenn es schwer fällt, weh tut, und die Arbeit anstrengender macht. Ich habe beschrieben, wie Resignation im Kontext der ideologie des NN durchaus rational ist. Daher muss diese Ideologie zurückgelassen werden! Es gibt so viele andere Horizonte, die Hoffnung und eine echte Chance auf eine gute Welt geben.

So will ich hoffen, dass meine Arbeit in diesem Lichte gelesen wird. Nicht nur als Angriff eines gelangweilten Philosophie-Novizen auf einen willkürliches Opfer, sondern als ehrliche Kritik an einer gewissen Art Klima-Aktivismus und der damit einhergehenden Art zu denken.












(1 Netzwerk Nachhaltigkeit per E-Mail vom 08.03.21

(2 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/ (aufgerufen am 31.05.21)

(3 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/unsere-vision/ (aufgerufen am 09.05.21)

(4 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2020/11/28/anti-konsum-adventskalender-geschichten-in-24-tagen/ (aufgerufen am 31.05.21)

(5 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/adventsmarkt/ (aufgerufen am 31.05.21)

(6 vgl. Jean Baudrillard, Simulacra and Simulation (1994), The University of Michigan, p. 6, 18, 19

(7 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2020/11/21/nachhaltige-ernaehrung/ (aufgerufen am 09.05.21)

(8 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2020/04/17/slow-fashion-der-weg-zum-nachhaltigen-kleiderschrank/ (aufgerufen am 09.05.21)

(9 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/unser-leitfaden/ (aufgerufen am 09.05.21)

(10 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2021/04/17/ringvorlesung-interdisziplinaere-facetten-der-nachhaltigkeit-wie-weit-kommst-du-mit-50-litern-benzin-pro-jahr-politikbezogene-ansaetze-der-nachhaltigen-oekonomie/ (aufgerufen am 09.05.21)

(11 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2020/04/28/bewusstes-leben-und-nachhaltigkeit/ (aufgerufen am 31.05.21)

(12 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2020/05/18/warum-wir-den-gorilla-nicht-sehen-oder-engagement-und-klimaschutz-in-zeiten-von-covid-19/ (aufgerufen am 31.05.21)

(13 https://www.bmjv.de/DE/Verbraucherportal/KonsumImAlltag/NachhaltigerKonsum/Nachhaltiger_Konsum.html (aufgerufen am 09.05.21)

(14 https://ec.europa.eu/clima/citizens/support_de (aufgerufen am 31.05.21)

(15 Mark Fisher, Capitalist Realism Is There No Alternative? (2009), O Books, p. 9, 10

(16 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2021/05/13/wissen-ist-macht-ein-vortrag-von-prof-dr-karsten-weber/ (aufgerufen am 31.05.21)

(17 Mark Fisher, Capitalist Realism Is There No Alternative? (2009), O Books, p. 5

(18 https://regensburger-nachhaltigkeitswoche.org/2021/04/11/unternehmen-in-der-verantwortung-umweltschutz-und-menschenrechte/ (aufgerufen am 28.05.21)

(19 https://www.youtube.com/watch?v=hP79SfCfRzo&t=287s (aufgerufen am 30.05.21)

(20 https://www.instagram.com/p/CO01VrZKCPM/ (aufgerufen am 30.05.21)

(21 vgl. https://www.youtube.com/watch?v=yzcfsq1_bt8 (aufgerufen am 31.05.21)

(22 vgl. Sophie Fiennes & Slavoj Žižek, The Pervert’s Guide to Ideology (2012)

(23 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2021/04/17/ringvorlesung-interdisziplinaere-facetten-der-nachhaltigkeit-wie-wollen-wir-10-milliarden-menschen-bis-2050-ernaehren-alternative-proteinquellen-als-fleisch-der-zukunft/ (aufgerufen am 31.05.21)

(24 https://blog.regensburg-nachhaltigke.it/2020/06/12/plogging-aktion-sport-machen-und-dabei-muell-sammeln (aufgerufen am 30.05.21)

(25 https://regensburger-nachhaltigkeitswoche.org/2021/04/13/postwachstumsoekonomie/ (aufgerufen am 30.05.21)